Meine “Tour de France” – Das Loiretal

Meine “Tour de France” – Das Loiretal

Der Weg von der Normandie zu „meinem“ Schloss war beschwerlich. Das nicht wegen eines unbequemen Fortbewegungsmittels – darüber konnte ich mich nicht beklagen – sondern wegen des Unwetters, das im Juni 2016 große Teile von Frankreich überschwemmt hatte. Nach mehreren Umwegen erreichten wir deshalb erst kurz vor Mitternacht – wir hatten Hunger und offen hatte einzig ein Imbissstand – die kleine Ortschaft Ligny-le-Ribault im Loiretal. Unser Ziel war das Schloss Bon-Hôtel, auf welches meine Großmutter mit der Grafenfamilie, für die sie gearbeitet hatte, kurz vor der Besetzung von Paris geflüchtet war. Die Post muss selbst während des Krieges um- respektive weitergeleitet worden sein, denn auch hier erreichten die damals junge Frau mehrere Briefe …

Das Schloss ist heute noch in Privatbesitz und nicht öffentlich zugänglich, allerdings wurden die umliegenden Gehöfte und Häuser allmählich verkauft. Eines davon wird nun von einem netten Ehepaar als Bed&Breakfast betrieben.

Trotz unserer späten Ankunft war Monsieur Fichelle – der Inhaber der besagten Pension – noch munter und zeigte uns geduldig die Zimmer. Er erklärte uns, dass dies die Bedienstetenzimmer gewesen seien. Nicht schlecht, dachte ich.

Nach einer erholsamen aber kurzen Nacht in besagter Pension blickte ich aus dem Fenster und sah durch die Baumwipfel die Zinnen des Schlosses Bon-Hôtel. Die Aussicht berührte mich. Ich fühlte mich meiner Großmutter in diesem stillen Moment sehr nah.

Das Frühstück am langen Holztisch aus der Jagdstube des Schlosses war ausgezeichnet. Gestärkt machte ich mich auf in das verschlafene Nest Ligny. Ich hatte gelesen, dass im vergangenen Sommer ein Video über die Geschichte des Schlosses gedreht worden war. Der Film sei im Tabakladen zu kaufen.

Dort wollte ich hin. Als ich den kleinen Kiosk betrat, herrschte reger Betrieb. Ich erklärte auf Französisch, wieso ich hier sei. Mir wurde aufmerksam zugehört, während die Schlange hinter mir immer länger wurde. Jeder im Kiosk wusste etwas beizusteuern, Michel – der Inhaber – rief lautstark nach Jean-Claude, der im Kaffee nebenan saß. Dieser hätte nämlich, wie meine Großmutter, auf dem Schloss für die besagte Familie gearbeitet. Später sei er in die Schweiz gezogen, wo er eine Bäckerei geführt hätte. So kam auch Jean-Claude hinzu, der sagte, es sei ein großer Zufall, dass er heute hier sei, er käme nur einmal pro Woche nach Ligny.

Mittlerweile hatte sich das halbe Dorf versammelt, so zumindest mein Gefühl. Es wurde lautstark referiert und diskutiert. Ich fühlte mich wohl und seltsam vertraut.

Der Abschied war herzlich, als hätte ich diese mir fremden Leute heute nicht zum ersten Mal getroffen. Ich wurde eingeladen, wiederzukommen und ich denke, das mache ich. Mit meinem Buch, vielleicht ja irgendwann „en français“.

645 Kilometer weiter südlich, an der Grenze zu Spanien, war meine nächste Station. Aus dem Baskenland berichte ich dann beim nächsten Mal.

 

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Über mich

Schon wenige Monate, nachdem ich 1983 in Winterthur geboren wurde, begann ich zu sprechen – ob zum Leidwesen oder zur Freude meiner Eltern ist nicht überliefert. Buchstaben und Worte scheinen seit jeher eine wichtige Rolle in meinem Leben zu spielen. So kam es, dass ich auch während meiner Schulzeit, die ich im zürcherischen Elgg und später im Gymnasium in Winterthur verbrachte, gerne schrieb und las. Aufsätze, Geschichten und Gedichte füllten ganze Hefte.

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